Migration und Grenzregime – Bericht über die Reise der Fraktionsvorsitzendenkonferenz und der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2015. Teil 2: Die Festung im Süden Europas trifft auf einen radikalen Freizügigkeitsgedanken

Nach drei intensiven Tagen in Tunis (siehe Teil 1: Die Revolution wurde zu Lampedusa) ist unsere Delegation abends von La Goulette mit der Fähre nach Palermo gefahren. In Palermo wurden wir unterstützt von weiteren MitarbeiterInnen der Stiftung und Erasmo Palazzotto, Abgeordneter der Sinistra Ecologia Libertà, einer linksgerichteten ökologischen Partei in Italien, der uns unter anderem den Besuch des CIE (Centro di identificazione ed espulsione) Trapani-Milo, einem Abschiebehaftzentrum, ermöglichte.

Über Haft oder Nicht-Haft entscheiden die Gesichtszüge:

Das CIE Milo wurde 2011 eröffnet. Dorthin führte uns unser erster Besuch am Morgen des 2. Oktober. Begleitet wurden wir vom Präfekten Trapanis, Leopoldi Falci. Das CIE Milo soll einer der zukünftigen Hotspots in Italien werden. Wir sollten dort auf eine Gruppe von ca. 20 Inhaftierten treffen. Professor Fulvio Vassallo Paleologo berichtete uns, dass diese Abschiehäftlinge ursprünglich einer Gruppe von ca. 115 Männern angehörten, die am 17. August direkt nach einer Bootsankunft in Catania aussortiert worden waren. Der marokkanische Botschafter hatte 14 von ihnen als marokkanische Staatsbürger anerkannt, diese wurden am Tag des Opferfestes am 24. September nach Marokko abgeschoben. Kurz danach ist ungefähr 80 Menschen die Flucht aus dem Abschiebeknast geglückt.

Insgesamt war es sehr schwierig, verlässliche und sichere Auskünfte darüber zu bekommen, wann und aus welchen Gründen in Italien Abschiebehaft verhängt wird. Dennoch zeugte der Fall der 115 Marokkaner von einer staatlichen Willkür, der seines Gleichen sucht.

Bis 2012 war es wohl üblich, dass Geflüchtete bis zu zwei Jahren in Abschiebehaft genommen wurden. Nach einem Gerichtsurteil ist die Abschiebehaft nun auf drei Monate begrenzt. Laut einem Bericht von Pro-Asyl aus dem Jahr 2013 kommt es aber auch in Milo immer wieder zu längeren Inhaftierungen. In Italien wurden in den vergangenen Jahren mehrere CIE geschlossen, nachdem es zu Revolten gekommen war. Auch in Milo ist es immer wieder zu Aufständen und Fluchtversuchen gekommen. Die Brandspuren konnten wir bei unserem Besuch sehen.

Die Situation im CIE von Milo kann man nur als zynisch bezeichnen. Im Ankunftsgebäude waren Bilder ausgestellt, die an eine Ausstellung in der Aula einer Grundschule erinnerten. Laut der Anstaltsleiterin, seien diese von Inhaftierten in dem „Labor“ erstellt worden, in dem sie einer „Freizeitbeschäftigung“ nachgehen könnten. Das Sicherheitspersonal bestand während unseres Besuches aus Polizei und Militär, welches nach dem Ausbruch zusätzlich zum CIE beordert wurde. Die Räume der einzelnen Trakte bestanden aus schlichtem Beton und festinstallierten Stahlbetten. Laut der Anstaltsleiterin würde man seit den Aufständen die Inhaftierten mit Sport- und Freizeitangeboten beschäftigen, auch würden die Inhaftierten regelmäßig medizinisch versorgt. Sie wären über ihren Verfahrensstand informiert und hätten bei Bedarf rechtlichen Beistand. Es gäbe daher derzeit keinen Ärger mehr, keine Revolten, auch wenn die psychische Situation für die Insassen schwierig sei, so käme es durchaus immer wieder zu Suizid-Versuchen.

Eine kleine Gruppe von uns konnte mit den 20 Inhaftierten reden. Sie sagten, sie seien in Libyen Arbeitsmigranten gewesen, erst durch die Zustände dort, wären sie zur Überfahrt nach Europa gezwungen gewesen. Nachdem 80 Menschen die Flucht geglückt war, kam es zu Misshandlungen der im CIE verbliebenen Abschiebehäftlinge. Laut deren Aussagen waren sie in den Waschräumen, in denen es keine Überwachungskameras gibt, geschlagen worden. Einige hatten nicht behandelte Wunden, sie gaben an, dass die medizinische Versorgung darin besteht, dass sie Beruhigungsmittel bekommen. Die Männer sind fast ununterbrochen in ihrem Trakt untergebracht, von Freizeitbeschäftigungen berichteten sie nichts. Auch wussten sie nicht, welchen Stand ihr Asylantrag hat, einen Anwalt hatten sie nicht zu Gesicht bekommen. Insgesamt machten alle aus der Gruppe einen stark deprivierten Eindruck.

Die rechtliche Grundlage für die Abschiebehaft hat sich mir trotz aller Gespräche mit den offiziellen Stellen nicht richtig erschlossen. Die CIE dienen nämlich nicht nur der Abschiebehaft, sondern auch der Identitätsfeststellung. Nach Ankunft mit dem Boot können die Geflüchteten sich registrieren lassen und einen Asylantrag stellen. Über das weitere Verfahren muss ein Friedensrichter innerhalb von 48 Stunden entscheiden. Der Friedensrichter entscheidet wohl über die Anordnung von Haft. Abschiebehaft wird aber auch nach einem rechtskräftig negativ abgeschlossenen Asylverfahren verhängt. Es ist aber durchaus üblich und rechtlich zulässig, dass Geflüchtete nach der Registrierung und Statusüberprüfung aufgefordert werden, Italien innerhalb von 7 Tagen freiwillig wieder zu verlassen. Auch werden längst nicht alle in Italien Ankommenden registriert. So sollen 2014 insgesamt 170.000 Geflüchtete in Italien angekommen sein, von denen ca. 70.000 registriert wurden. Man kann das durchaus als passives Umgehen des Dublin-Abkommens bezeichnen. Nach diesem Abkommen müssen Flüchtlinge in den Ländern bleiben, in denen sie zuerst ankommen. Dies führt dazu, dass so gut wie alle Menschen, die mit dem Boot nach Europa fliehen, theoretisch in Griechenland, Italien, Spanien oder Frankreich bleiben müssten. Es ist nicht eindeutig geregelt, nach welchen Kriterien Bootpeople entweder erst in eine Übergangseinrichtung (CAS) gebracht werden oder unmittelbar in Abschiebehaft genommen werden. Abschiebehaft kann dann verhängt werden, wenn Italien Rückführungsabkommen mit den Herkunftsländern hat. Rückführungsabkommen existieren zum Beispiel zwischen Italien und Marokko sowie Algerien. Allerdings wird Abschiebehaft nicht immer verhängt, da die rechtliche Grundlage unterschiedlich ausgelegt werden kann. Die vorläufige Identitätsfeststellung verläuft willkürlich. So bestätigten Erasmo Palazzotto und Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, dass die Carabinieri direkt im Hafen arabisch stämmige Flüchtlinge nach Gesichtszügen aussortieren. Menschen, die dem Maghreb und nicht dem Nahen Osten zugeordnet werden, kommen gleich in Abschiebehaft und nicht in ein CAS. Allein dies ist unter rechtstaatlichen Gesichtspunkten nicht zu vertreten.

Da Abschiebehaft aber nicht für alle „marokkanisch aussehenden“ Flüchtlinge angeordnet wird, wurde die Inhaftierung der 115 (angeblichen) Marokkaner auch von einigen als „Politikum“ bezeichnet. Im August 2015 stand das CIE in Milo leer, weil es renoviert und zu einem der italienischen Hotspots umgebaut werden sollte. Das heißt in erster Linie, es sollte ausbruchssicher gemacht werden (wie uns der Sicherheitschef sagte, seien 3 Meter hohe Mauern bislang keine Hürden für Ausbrüche gewesen). Die Hotspots sind in Italien aber wohl auch bei offiziellen Stellen umstritten, wenn auch nicht unbedingt aus der Kritik heraus, dass die unverzügliche Inhaftierung nach der Einreise zum Zweck der Abschiebung das Recht auf Asyl faktisch europaweit aushebelt. Die Präfekturen haben in erster Linie Bedenken, ob sie finanzielle Unterstützung für die Einrichtungen und das Sicherheitspersonal von der EU bekommen. Der Präfekt von Trapani hat sich für die Umwandlung des CIEs Milo in einen Hotspot ausgesprochen, der Präfekt der Provinz Catania sieht das augenscheinlich anders. Zumindest einige unserer Gesprächspartner vermuteten, dass der Polizeichef von Catania den Leerstand des CIEs Milo genutzt hätte, um mit der gezielten Unterbringung der maghrebinisch aussehenden Bootsflüchtlinge vom 17. August den Ausbau des CIE als Hotspot zu torpedieren. Ob diese Version zutrifft, lässt sich schwer verifizieren. Nichts desto trotz entspricht das gesamte Vorgehen keinerlei rechtlichen Standards und ist an Willkür nicht zu überbieten.

Unterbringung von Geflüchteten in Italien:

Nach dem bedrückenden Besuch des CIE Milo besuchten wir ein Übergangszentrum (CAS) in der Region Trapani, vergleichbar mit unseren Erstaufnahmeeinrichtungen. Dies sind kleinere Einrichtungen als die großen Übergangseinrichtungen (CARA). In der Region Trapani gibt es 30 CAS, in denen insgesamt 2.400 Geflüchtete untergebracht sind, 600 Plätze sind unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in eigenen Einrichtungen vorbehalten. In Sizilien hat man sich zunehmend von den großen CARA verabschiedet. Man möchte so auch verhindern, dass sich die Mafia den Bau und die Verwaltung der Zentren unter den Nagel reißt. Laut dem Präfekten Leopoldo Falci gibt es für die Unterbringung pro Person und Tag 35,00 EURO. Die Verwaltung von Trapani hat daher ein großes Interesse daran, dass dieses Geld nicht in die Hände der Mafia fließt. Die meisten CAS werden von einer der Caritas nahestehenden Genossenschaft verwaltet.

Das von uns besuchte CAS ist eine ehemalige Hotelanlage mit 243 Plätzen. Überwiegend leben dort alleinstehende junge Männer aus Ländern der Subsahara. Die meisten von ihnen haben die Wüste durchquert und sind über Libyen nach Italien gekommen. Sie sind direkt nach der Ankunft mit den Booten in das CAS gekommen und bleiben dort solange ihr Asylverfahren läuft. Bei der Ankunft bekommen alle 15,00 EURO für die Erstausstattung, danach 2,50 EURO Taschengeld pro Tag, was wöchentlich ausgezahlt wird. Das Essen wird zentral geliefert, das CAS hat eine Küche, in der die Bewohner sich dieses Essen nach eigenen Bedürfnissen selber zubereiten können, wobei sie sich aber Gewürze etc. von dem Taschengeld selber kaufen müssen. Das CAS machte insgesamt einen gepflegten Eindruck, die Zimmer waren überwiegend für zwei Bewohner eingerichtet, da nur im Ausnahmefall übergangsweise Familien in diesem CAS untergebracht werden. Es gibt auch eine kleine Moschee in dem Gebäude. Widersprüche gab es dort aber auch. Das größte Problem für die Menschen in der Einrichtung besteht darin, dass sie dort lange untergebracht sind und nicht wisse, wie es um ihren aufenthaltsrechtlichen Status steht. Die Bewohner haben kaum Kontakte zur Bevölkerung des Dorfes und sind die meiste Zeit des Tages auf sich gestellt. Die Leiterin bestätigte uns, dass insbesondere die jungen Männer, die durch die Flucht von ihren Familien getrennt sind, großen emotionalen Zuspruch brauchen. Dies sei aber von den 5 bis 6 MitarbeiterInnen, die dort durchschnittlich beschäftigt sind, nicht zu leisten.

Anschließend besuchten wir in Palermo selber eine weitere Übergangseinrichtung, ein sogenanntes SPRAR, welches nicht von der Region, sondern kommunal verwaltet wird. Die SPRAR sind wesentlich kleinere Einrichtungen. Diejenige, die wir besuchten, hält eine Wohnung für 8 Menschen vor, die in einer selbstverwalteten kulturellen Einrichtung entstanden ist. Sie wird bewohnt von jungen Männern, die sich durch die Wahrnehmung kultureller, sportlicher aber auch politischer Angebote in dem Zentrum bzw. in Palermo insgesamt selber organisieren können. Die Verweildauer dort ist aber begrenzt und nicht an die Dauer des Asylverfahrens gebunden, was dazu führt, dass Bewohner das SPRAR oft auch schon vor Abschluss des Berufungsverfahrens verlassen müssen. Wir hatten also an diesem Tag drei in Italien mögliche Stationen für Geflüchtete gesehen, vom Abschiebknast hin bis zu dem selbst verwalteten SPRAR. In diesem SPRAR trafen wir das erste Mal Yodit Abraha, die vor 10 Jahren aus Eritrea nach Italien kam und inzwischen in den kommunalen Zentren arbeitet. Sie berichtete uns am nächsten Tag, dass es in Italien zum einen keine einheitlichen Kriterien für die Unterbringung als auch keine einheitlichen Standards für die Aufnahmeeinrichtungen gibt, insbesondere die CAS würden oft von einem Tag auf den anderen entstehen. Man kann also Glück oder Pech haben. Und richtig Pech hat man offenbar, wenn man so aussieht, als könne man in Marokko oder Algerien geboren sein.

Den Tag beschlossen wir abends mit einem gemeinsamen Essen im von MigrantInnen mitgeführten Zentrum Moltivolti. In dem Zentrum gibt es nicht nur das Restaurant sondern es bietet auch Platz für gemeinsame Projekte, die von Foodsharing bis zur migrantischen Selbstorganisation reichen. Es ist vielleicht vermessen nach den letzten beiden Besuchen des Tages zu behaupten, wir hätten nun einen Überblick über die migrantische Selbstorganisation auf Sizilien erhalten, aber beide Zentren machten auf mich einen wohltuend wenig paternalistischen Eindruck.

Hotspots und Freedom of Movement:

Der zweite Tag in Italien begann mit Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung anlässlich des zweiten Jahrestages der Katastrophe von Lampedusa, an der AktivistInnen unterschiedlicher Organisationen teilnahmen.

Enzio von Borderline Sicily beschrieb die Befürchtungen, die NGOs in Italien umtreibt. Er geht davon aus, dass durch die Einrichtung von Hotspots und die damit verbundene Ausweitung der administrativen Haft sich die jetzt schon angewandte Aussonderung zwischen Schutzsuchenden und ArbeitsmigrantInnen extrem verschärfen wird. Zu dem Zeitpunkt unseres Besuches gab es einen Hotspot in der Experimentierphase, der befindet sich auf Lampedusa. Drei weitere Hotspots sind auf Sizilien geplant. Polizei und lokale Behörden sollen von Frontex unterstützt werden, die Unterteilung der Geflüchteten soll innerhalb der Achtundvierzig-Stunden-Frist geschehen. Diejenigen die als „Wirtschaftsflüchtlinge“ definiert werden, sollen nach den Plänen umgehend inhaftiert werden. Der Fokus wird auf künftig multilaterale Rückführungsabkommen gelegt werden, wobei kollektive Rückführungsmaßnahmen auf Grund einer vermuteten oder tatsächlichen Nationalität durchgeführt werden sollen. Durch diese Maßnahmen wird das individuelle Recht auf Asyl faktisch ausgehebelt und außer Kraft gesetzt, da individuelle Asylgründe gar nicht mehr überprüft werden. Die Dauer der Verwaltungshaft wird zunehmen, da die meisten Boatpeople nicht über Papiere verfügen. Die Selektion nach Herkunftsländern wird auch die Situation der bereits in Italien lebenden MigrantInnen weiter verschärfen, da die Migration aus sogenannten wirtschaftlichen Gründen künftig kriminalisiert wird. Enzio befürchtet eine zunehmende rassistische Haltung gegenüber den Geflüchteten aus der Subsahara. Die Botschaft die zukünftig von der EU ausgesandt wird heißt: Menschen, deren Existenz in ihren Herkunftsländern nicht durch Krieg oder Bürgerkrieg, sondern durch Armut und fehlende Lebensgrundlagen bedroht ist, haben zukünftig nach Willen der EU kein Anrecht mehr auf Rettung bzw. Verbesserung ihrer Lebenssituation.

Den Verweis auf die Verschlechterungen der Lebensbedingungen der in Italien lebenden Menschen aus der Subsahara ist berechtigt. Wir hatten eigentlich vor einen landwirtschaftlichen und einen fischverarbeitenden Betrieb zu besuchen, in denen viele MigrantInnen arbeiten. Beide vereinbarten Besuche wurden erst kurz vor unserer Ankunft abgesagt. Es ist aber kein Geheimnis, dass MigrantInnen aus Afrika in der Landwirtschaft wie Tagelöhner behandelt werden: sie arbeiten dort für minimales Geld unter schlechtesten Bedingungen und sind in Baracken untergebracht. Die insgesamt katastrophalen Arbeitsbedingungen in Landwirtschaft im Süden Italiens sind vor ein paar Monaten europaweit in die Schlagzeilen geraten, nachdem eine Italienerin nach einem vierzehnstündigen Arbeitseinsatz in sengender Hitze tot zusammen gebrochen ist.

Ergänzt wurde der Beitrag von Enzio durch Abdul, der für Emerganza Palermo arbeitet, einer Organisation, die sich um die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen kümmert. Gegründet wurde Emergency 1994, zunächst war sie in Kriegsgebieten aktiv. Seit 2006 arbeitet Emerganza in Italien, da die Gesundheitsversorgung für MigrantInnen dort unzureichend ist. Er berichtete, dass Geflüchtete in Italien ein Recht auf einen Hausarzt haben, solange ihr Aufenthaltsstatus noch ungeklärt ist. Nachdem sie einen allerdings regulär in Italien leben sind sie sofort italienischen Staatsbürgern gleichgestellt, d. h. sie haben einen hohen Selbstkostenanteil. Dies ist insofern problematisch, da sie meistens bis dahin in Lagern gelebt hatten, keine Arbeit und damit kein Einkommen haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Emerganza inzwischen auch immer mehr italienische StaatsbürgerInnen behandelt, die nicht mehr in der Lage sind, ärztliche Versorgung bezahlen zu können.

Erasmo Palazzotto forderte die Abschaffung des Dublin-Abkommens, ein Ende der Unterscheidung in Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge und legale Fluchtwege. Sein Vorschlag lautete: „gebt den Menschen die Möglichkeit vor Ort Visaanträge zu stellen.“ Seiner Ansicht nach könnten die Visa zur Arbeitsaufnahme ein Jahr befristet sein. Da das Reise-Geld dann nicht mehr Schleppern in die Hände fallen würde, könnten die Flüchtlinge hier mit dem Geld in der Zeit durchaus den Lebensunterhalt bestreiten. Er bezeichnete die Aufnahme von Menschen aus der Subsahara als Begleichung der ökologischen Schuld Europas gegenüber dem Süden.

Ebenso wie die Sozialdezernentin der Stadt Palermo, die wir nachmittags sprechen konnten, machte Yodit Abraha darauf aufmerksam, dass die Anzahl der unbegleiteten Minderjährigen seit Anfang des Jahres erheblich anwächst und die Ankommenden inzwischen immer jünger werden. So sind unter den Bootsflüchtlingen im Jahr 2015 viele alleinstehende zehnjährige Mädchen und Jungen gewesen. Die Familien in den Ländern der Subsahara schicken inzwischen immer jüngere Kinder auf die Reise nach Europa, weil sie hier unter einem besonderen Schutz stehen und nicht sofort wieder abgeschoben werden. Auch in Italien wurde uns berichtet, dass es oft zu Misshandlungen durch die Schlepper kommt, insbesondere dann, wenn Geschwister zusammen reisen. Schlepper foltern oft die jüngeren Geschwister um von den älteren Geschwistern viel Geld zu erpressen. Die Sozialdezernentin berichtete, dass inzwischen auch viele Mädchen auf die Route nach Europa geschickt werden, die oft sehr jung sind. So hatte sie vor kurzem auf einem ankommenden Boot eine Vierzehnjährige in Obhut genommen, die nach Vergewaltigungen schwanger war. Oft würden die Mädchen auch angeben, dass sie bereits volljährig wären, weil die Schlepper dies ihnen sagen, um sie weiter in den Norden zu bringen. Wie viele der jungen Mädchen so Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution werden, konnte mir niemand sagen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass es in Italien keine psychologische Unterstützung für unbegleitete Minderjährige gibt. Von 54.000 unbegleiteten Minderjährigen in den letzten Jahren sind ca. 17.000 in Italien geblieben.

Abschließend führten wir Gespräche mit Leoluca Orlando, dem Bürgermeister von Palermo, und Mitgliedern des Gemeinderates. Leoluca Orlando hat mit der „Carta von Palermo 2015“ ein Manifest für die unbedingte Freizügigkeit initiiert. Dieses Manifest zielt aber nicht nur auf die individuelle Bewegungsfreiheit ab sondern ebenfalls auf die Inklusion aller Menschen. Die Carta ist inzwischen Handlungsgrundlage für die Verwaltung in Palermo. Auf deren Grundlage arbeitet auch der Rat der Kulturen, bei dem wir abends zu Gast waren. Bei dem Austausch im Rathaus und dem Rat der Kulturen wurde nochmals deutlich, warum die Kommune Palermo das Recht auf Freizügigkeit hervorhebt: In den letzten 2 Jahren sind ca. 300.000 Flüchtlinge in Italien angekommen, der überwiegende Teil der Bootsflüchtlinge landet auf Lampedusa oder Sizilien, nur wenige nehmen die Route über Calabrien. Von Mai bis September hat es allein im Raum Palermo 20 Bootslandungen gegeben. Statistisch gesehen kommen auf jedes Boot im Schnitt 14 tote Bootsflüchtlinge. Es gibt aber Boote, auf denen die italienischen Behörden 50 bis 60 Tote finden. Für die Regionen, in den die meisten Boote landen, ist dies eine enorme Belastung, da die oft mörderischen Bedingungen der Flucht über des Mittelmeer allgegenwärtig sind. Die ungerechten Abkommen der EU führen nicht nur zu einer Überlastung der Anrainer-Staaten des Mittelmeeres hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen, auch in den Mittelmeerländern selber kommt es zu Unwuchten. Palermo ist eigentlich ein Durchgangsgebiet, da die Geflüchteten nach der Kommissionsentscheidung in andere Provinzen verteilt werden. Faktisch weigern sich aber viele italienische Provinzen Flüchtlinge aufzunehmen. Die mit der europäischen Gesetzgebung verbundene Selektion der Geflüchteten in „Gute“, denen man Schutz gewährt und „Schlechte“, die man so schnell wie möglich wieder los werden will, wird in den Regionen, die diese Selektion vornehmen sollen, deshalb nicht nur von NGOs sondern auch von offiziellen Stellen in Frage gestellt. Diese Selektion wird kritisiert, weil sie zum einen unmenschlich ist, und zum anderen niemanden von der Flucht aus elenden Lebensbedingungen abhält und somit nur die Bedingungen der Flucht selber als auch die Situation der Geflüchteten in den Aufnahmeländern verschlechtert.

Die ersten beiden Reiseberichte geben zunächst einmal wieder, welche Erfahrungen wir als Delegation auf beiden Seiten des Mittelmeeres gemacht haben. Eine politische Bewertung habe ich überwiegend vermieden. Der werde ich mich in einem dritten Teil annähern. Interessant war aber insgesamt die Sichtweise auf Deutschland, auch in Italien: Deutschland wird als europäischer Motor gesehen, im Positiven wie im Negativen. Für die akute Verschärfung der Situation sowohl für Geflüchtete als auch für die Erstaufnahmeländer wird die Politik der Bundesregierung verantwortlich gemacht. Es wurde nicht nur die Ambivalenz des „Grenzen auf –Grenzen zu“ kritisiert, die mit der deutlich wurde, dass Deutschland im europäischen Raum weiterhin an Dublin festhält, und keine gesamteuropäische Asyl- und Aufenthaltsgesetzgebung anstrebt. Die stärkste Kritik gab es an der forcierten Aussonderung der Flüchtlinge in Schutzwürdige und Abzuschiebende. Wie ich finde, zu Recht.