9/11 in Kanada und was das mit der Bundestagswahl zu tun hat. Ein sehr persönlicher Bericht

Vor 16 Jahren sind wir 8 Stunden vor 9/11 in Blackville Kanada N.B. angekommen. Nachts um zwei Ortszeit. Wir hatten einen Whisky getrunken, sind ins Bett gegangen und haben morgens gegen neun den Leihwagen in die nächst gelegene Kleinstadt, eigentlich eher ein Dorf, gefahren. Der örtliche Flughafen gespenstisch leer, kein Schalter besetzt, niemand da. Dort landen eigentlich nur Cessnas, ein paar Stunden später waren dort gestrandete Airbusse. Eine Mutter mit erwachsenem Sohn fragte uns, wo man denn helfen könne, es hätte „a terrorist attac“ gegeben. Wir haben uns nichts dabei gedacht, irgendeine lokale Begebenheit. Es ist dort üblich, dass bei kleinen oder größeren Katastrophen die Leute sehr „closed together sind“. In Kanada muss man weit fahren, um einzukaufen, also sind wir in die örtliche Mall, dort war es schon merkwürdig. Es ist dort üblich riesige Mengen in den Einkaufswagen zu verfrachten, wenn du 80 km fahren musst, um einzukaufen, machst du das nicht täglich. Irgendwann kam ich an den Fernsehern vorbei und sah ein Flugzeug im Pentagon. Ein Spielfilm dachte ich. 10 Minuten später kam ich wieder vorbei, dann wurde mir klar, dass es kein Spielfilm sondern Realität war.

Die restlichen 5 Wochen waren bedrückend und beklemmend. Den Tag hatten wir bei Nachbarn vorm Fernseher verbracht, denn Abend vorm Weltempfänger. Das blieb die anderen Wochen ähnlich. Die Bilder der Menschen, die aus den Twin-Towers sprangen um dem Tod im Feuer zu entgehen, sahen wir live über Stunden. Das Entsetzen, das Mitgefühl mit den Menschen, aber auch die Frucht darüber, was das mit der Zukunft macht, war fast körperlich spürbar. Die Bilder von tausenden LKW vor den US-amerikanischen Grenzen mit verdorbener Waren: Bilder, die in meinem Gedächtnis bleiben. Ebenso wie die in Windeseile verschärfte Einwanderung- und Visumsgesetzgebung. Kanada hatte bis dahin ein sehr liberales Einwanderungsrecht. Ich wurde schon von Bekannten ein paar Jahre zuvor gefragt, ob ich mit meinem Sohn dort nicht leben wolle, es reichte ein Arbeitsplatz und gegebenenfalls ein Bürge. Auch für Nicht-Europäer galt das. Das war Ende September Makulatur. Kanada ist nicht hurra-patriotisch, auch nicht in den Wäldern. Wir hörten im Weltempfänger von der Mobilmachung im Nahen Osten und von den Vorbereitungen der militärischen Intervention in Afghanistan, sowie deren Beginn. Mitte Oktober flogen wir heim.

Warum ich das hier schreibe? Mein Sohn war 5 Jahre alt. Ich wusste damals, dass 9/11 eine Zäsur bedeutet. Die Ungleichheiten in der Welt, die militärischen Konflikte, die daraus resultieren, die gab es auch zuvor. Dass diese Konflikte künftig nicht mehr nur vordergründig um Rohstoffe und wirtschaftliche sondern auch massiver aus geostrategischen Interessen geführt werden würden, das war in Kanada vielen klar. Dass der ausgerufene „War on Terror“ die Konflikte verschärfen würde, war auch klar. Ich dachte damals, was ist mit meinem Kind, wenn es erwachsen wird? 16 Jahre später sind wir an einem Punkt, wo diese Beklemmung auch vor der eigenen Haustür landet. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, ein Bruchteil kommt davon nach Europa oder Deutschland, aber es reicht um einen gesellschaftlichen Diskurs weit nach rechts zu verschieben. Wir haben eineinhalb Jahre Bürgerschaft hinter uns, die durch von der CDU oder der FDP angestrengte „Sicherheitsdebatten“ geprägt waren. Ich neige gar nicht dazu, herunter zu spielen, dass die Integration von vielen Geflüchteten und deren Kinder nicht auch eine Herausforderung ist. Ebenso neige ich nicht dazu, zu verharmlosen, dass es viele durchgeknallte, fanatisierte und faschistoide Leute gibt, die nicht davor zurück schrecken, beliebig Leute in den Tod zu reißen, um ihre menschenverachtenden Vorstellungen durchzusetzen. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, nicht mehr darüber zu reden, warum diese Welt so ungleich ist, warum Kinder in Gröpelingen nur ein Zehntel der Chancen der Kinder aus Horn-Lehe haben, warum viele Menschen, besonders in Bremen, arbeiten und davon nicht mehr leben können, warum viele Menschen im Alter arm sind, warum 30 Prozent Haushalte in Bremen Alleinerziehende sind, die sich abrackern können bis zum geht nicht mehr, und trotzdem nicht ansatzweise sich selber und ihren Kindern das bieten können, was andere können. Ich könnte schreien, wenn mir Leute beim Einkaufen sagen, meine Rente reicht nicht, aber die Flüchtlinge dürfen umsonst Straßenbahn fahren und deswegen wähle ich AfD. Mensch, denkt doch mal nach, erstens stimmt das letztere nicht, zweitens sind sie nicht dafür verantwortlich, dass deine Rente nicht reicht sondern die Bundesregierungen seit 1998 und drittens würde die AfD euch die Rente komplett streichen, wenn ihr nicht so viel Kohle auf der hohen Kante habt, um selber klar zu kommen. Denkt doch einmal bitte nach. Und zwar vor dem 24.9.